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In Guatemala vollzieht sich ein gesellschaftlicher Wandel |
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Von Gesine Froese |
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Den Plaza Mayor schmücken gepflegte Beete mit blühenden Blumen, in der Mitte steht ein Springbrunnen, ringsum sind Bänke aufgereiht, die in dieser Vormittagsstunde fast alle besetzt sind. Auf einer übt sich ein junger Blondschopf im Lesen der guatemaltekischen Tageszeitung "Prensa libre", daneben kichern Mädchen in roter Schuluniform, und auf anderen halten Männer ein Nickerchen im Schatten der Parkbäume. Dies ist ein schönes Bild, das an die Behaglichkeit von Wohnzimmern erinnert - mitten in La Antigua, der alten Metropole Guatemalas, die nach mehreren schweren Erdbeben im 18. Jahrhundert aufgegeben worden ist und heute mit ihren Ruinen, wieder aufgebauten Kirchen, Klöstern und vornehmen kolonialen Wohnhäusern als Unesco-Weltkulturgut einen der touristischen Höhepunkte Guatemalas darstellt. Mitten durch diesen Freiluft-"Raum" spaziert eine Frau. Sie trägt eine indianische Bluse zu einem modischen Rock und balanciert so elegant, wie es nur die "indígenas" können, eine riesige pinkfarbene Einkaufstasche aus Plastik auf dem Kopf. "Indígena" heißt
übersetzt: "Eingeborene", doch meint dieses Wort nicht, wie man
glauben könnte, Menschen im Urwald. Vielmehr soll so die Urbevölkerung in
Lateinamerika heute im Unterschied zu den Mestizen oder Ladinos (Mischlinge)
genannt werden, weil sie das Wort "Indio" Um es gleich zu sagen: Natürlich gibt
es noch die Indios in Tracht, solche, die zu Fuß gehen, und natürlich viele
scheue Vertreter dieser Menschen, die in Guatemala zwei Drittel der Bevölkerung
stellen. Mit ihrem Festhalten an den Traditionen ihrer Väter kompensierten sie
in der Der Wandel begann nach Jahrzehnten blutiger Militärdiktaturen. Als vor etwa acht Jahren zum ersten Mal wieder internationale Fluggesellschaften ins Land kamen, war dieses zutiefst verwundet. Vor den Dörfern wachten noch Männer in Zivil mit Maschinenpistolen, gedungen vom Militär, um Guerrilleros oder solche, die sich dafür hielten, "abzuwehren", und in den Ruinen von Hotels, die während der militärischen Terrorzeiten von ausländischen Investoren zurückgelassen worden waren, gähnten leere Betonfenster. Gelitten hatten vor allem die "indígenas",
wurden sie doch unter dem Vorwand, Kommunisten zu bekämpfen, vom Militär
grausam verfolgt, und dies nicht nur aus politischen, sondern auch aus
kulturellen und religiösen Motiven. Es war vielfach der Aufguss eines
haßerfüllten Konflikts zwischen zwei Parteien, wie sie unterschiedlicher kaum
sein können: zwischen einer streng katholischen und europäisch orientierten
Führungsschicht samt einer ihr übermäßig nacheifernden Mischlingsmenge auf
der einen und den hartnäckig auf der heidnischen Vergangenheit beharrenden
Maya-Nachkommen auf der anderen Seite. Deutlich gemacht hat diese Situation die
Quiché-Indianerin Rigoberta Menchú Tum. Sie schrieb: "Ob Religion oder
Landverteilung, ob durch Schulen oder durch Bücher, durch Radios oder
Fernsehen, man hat uns Fremdes aufzwingen und das Unsrige nehmen wollen."
Sie beklagte den harten Kurs der Obrigkeit, die immer noch nach dem alten Spruch
von Cortez "Acabar con el alma del indio" - die Seele des Indio
auszulöschen - handelte, und sie sagte: "Man hat uns nie die Gelegenheit
zum Sprechen gegeben." Als die ehemalige Widerstandskämpferin, deren Eltern und Bruder unter unvorstellbar grausamer Folter starben, für ihre unerschrockene Haltung im Kolumbus-Jahr 1992 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, hatte dies in einem so verhärteten Land starke Wirkung. Heute kann sie eine Stiftung unter ihrem Namen leiten, die politische Bildungsarbeit für ihr Volk leistet. Der eigene Machtzuwachs durch den Preis hat sie zudem gelehrt, vom Konzept des stillen Widerstands und der Flucht in die Vergangenheit Abstand zu nehmen: "Ich habe gelernt, dass man einen Titel, einen Beruf, ein Konto braucht. Mit dem Gesicht der Armen bekommt man Probleme", sagt sie. Aber auch der Staat, der auf seinem Weg zur Demokratie mit Argusaugen von Vertretern internationaler Menschenrechts- und Entwicklungshilfe-Organisatoren beobachtet wurde, übte sich zuletzt in völlig neuer Toleranz und Einsicht. Es wurde sogar ein "indígena" als Erziehungsminister ins Kabinett berufen. Es scheint, als seien alle am alten Konflikt beteiligten Gruppen vom ganz harten Konfrontationskurs abgekommen, und mit einem zunehmenden nationalen Bewusstsein wird offenbar auch erkannt, dass gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen kein Beweis für Schwäche sind, sondern die Wirtschaft des Landes stärken können und es gegenüber ausländischen Einflüssen unabhängiger machen. "Demokratie als Wirtschaftsfaktor" war denn auch das Thema des letzten iberoamerikanischen Gipfeltreffens. Zunächst ist man in Guatemala
allerdings noch damit beschäftigt, die Deviseneinnahmen zu steigern - mit Hilfe
des Tourismus. Inzwischen sind die Straßen zu den bedeutendsten
Sehenswürdigkeiten so spiegelglatt asphaltiert, dass der, der es eilig hat, an
einem Tag mit dem Wagen von Guatemala-Stadt nach Chichicastenago und zum
Atilán-See fahren kann - eine Strecke, für die man früher gut und gerne zwei
Tage brauchte, weil der Weg einem Steinbruch glich. Selbst die behäbige
Behördenruhe in der staatlichen Tourismuszentrale Inguat ist einer
Aufbruchsstimmung gewichen, und es wird von "neuen Touristengebieten"
gesprochen. Gemeint ist damit vor allem das
zentrale Hochland zwischen Quetzaltenango und Huehuetenango. Wenn das
Friedensabkommen mit den dort noch aktiven Guerrilla-Gruppen hält, werde dieses
Gebiet einen unerhörten Aufschwung erleben, meint man. Noch freilich sind
Zwischenfälle nicht ausgeschlossen, wie zum Beispiel in San Francisco El Alto
an einem sonnigen Markttag im vergangenen November. Äußerlich schien alles
unverändert seinen Gang zu nehmen: Die Menschen schoben sich durch die engen
Gänge zwischen den Ständen, auf denen vom typischen Ein solches Massaker ausgerechnet in
der Alta Verapaz, dem "Land des wahren Friedens", das sich mehr und
mehr zu einem Ziel für Naturliebhaber und Wildwasserfahrer entwickelt, war
zweifellos ein empfindlicher Rückschlag. Hier, in einer dünnbesiedelten
Region, wurden im Zuge der großangelegten Rückführung der Menschen, die
während der Militärdiktatur nach Mexiko geflüchtet waren, neue Dörfer
angelegt, und auch schon früher war sie Schauplatz für ein ungewöhnliches
Experiment: Dominikanermönche durften ein Reservat gründen, zu dem die weißen
Eroberer keinen Zutritt hatten - ein Zugeständnis der spanischen Krone an Pater
Bartolomé de Las Casas, der energisch auf einen menschlichen Umgang mit den
Indianern drängte. Cobán ist die liebenswerte kleine Verwaltungsmetropole von Alta Verapaz. Nach der Vertreibung der Dominikanermönche aus Guatemala siedelten hier vor allem Deutsche. Sie legten Kaffeeplantagen an. Anders als die Spanier, die sie als illegale Geliebte hielten, heirateten viele Indianerinnen. "Sie passen eigentlich auch gut zusammen", meint dazu die deutschstämmige Besitzern des Café Tirol in Cobán: "Beide sind sehr arbeitsam." Dennoch mussten die meisten im Zweiten Weltkrieg ihre neue Heimat verlassen. Nur wer jüdischer Abstammung war, durfte bleiben. In Guatemala gibt es aber auch Gegenden, wo selbst der Blick hinter die Kulissen das neue Ferienvergnügen nicht trübt. Dazu gehört das riesige Flachland des Petén, als ehemaliges Kernland der alten Maya-Kultur übersät mit Ruinenstätten und dazu die grüne Regenwald-Lunge Guatemalas mit dem größten Naturschutzgebiet Mittelamerikas, dem Maya-Biosphären-Reservat. Gut entwickelt hat sich, eine Busstunde südlich von Flores entfernt, das kleine Urwaldnest Sayaxché. Am ortsnahen Lago Petexbatún entstanden verschwiegen gelegene, rustikale Urwald-Feriendomizile. Unterwegs ist man hier wie die alten Maya: per Boot auf den großen Flüssen, um die reiche und noch kaum gestörte Tier- und Vogelwelt und die kaum bekannten Maya-Stätten zu erkunden. Auch an der Pazifikküste im ehemaligen
Hafenort Puerto San José mit seinem breiten feinen schwarzen Vulkanstrand
zeichnen sich große Dinge ab: Geplant ist dort eine Ferienanlage mit
schiffbaren Kanälen nach dem Vorbild der aus dem Boden gestampften
südfranzösischen |
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erschienen in der Frankfurter Allgemeinen (bei CariLat Fotos des Autoren ©) Alle Angaben nach bestem
Wissen, aber ohne Gewähr
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